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Das Sonntagsgespräch: Warum die Welt Klang ist

von | Nov 12, 2017 | 0 Kommentare

Die Welt ist Klang

Unser Sonntagsgespräch: Eine Unterhaltung, über ein Thema, das uns gerade bewegt. Dieses Mal: Die Welt des Hörens! 

Auf die Idee hat uns das Hörbuch „Nada Brahma: Die Welt ist Klang“ vom Hamburger Musikjournalisten und Jazz-Fan Joachim-Ernst Berendt (1922 – 2000) zufolge. Ein Lobgesang auf das Ohr und das Hören.

Das Gespräch zum Nachlesen:

Welches besondere Klangerlebnis hattest Du in den letzten Jahren?

Christopher:

Für mich ist es tatsächlich „Nada Brahma: Die Welt ist Klang“ als Hörbuch, das uns durch das letzte Jahr begleitet hat. Besonders interessant ist für mich dabei, dass es einen für mich vorher „benachteiligten“ Sinn in den Fokus gerückt hat. Dort habe ich eigentlich erst entdeckt, wie wichtig das Hören ist.

Meike:

Was ich daran sehr spannend fand, ist dass die Hörerfahrung von „Die Welt ist Klang“ selbst wirklich ein Genuss war: Die meditativen Elemente, anregenden Texte, wissenschaftliche Exkurse. Eine richtige Reise, über Monate – immerhin sind es insgesamt 13 Audio CDs!

Meikes besonderes Erlebnis:

Meike:

Mein Klangerlebnis ist schon etwas länger her. 2012 waren wir gemeinsam auf der documenta 13 in Kassel und haben dort das Hugenottenhaus besucht – ein verfallenes, altes herrschaftliches Haus mitten in der Stadt. Dort haben wir eine Performance gesehen, die mich sehr überrascht und mir wirklich die Ohren geöffnet hat. Obwohl ich Kunst studiert habe, war ich nicht immer ganz offen für Performancekunst. Das hier war aber eine ganz besondere: „This Variation“ vom Choreografen Tino Sehgal. Die Performance war nirgends angekündigt – wir wurden einfach in einem dunklen Raum davon überrascht: Von ganz ursprünglichen Tönen und Klängen, die 20 Tänzer und Sänger hervorgebracht haben. Das hatte etwas Ritualisiertes – teilweise hörte man ergreifende Gruppengesänge, dann teilweise Beatboxer. Dazwischen spürte man die Bewegungen, etwa das Stampfen der Tänzer trotz der Dunkelheit. Das war eine ganz, ganz tiefe, prägende Erfahrung.

Was war das Besondere an Deiner Klangerfahrung?

Christopher:

Das Besondere ist für mich, dass mich das Hörbuch auf die allumfassende Gegenwärtigkeit von Ton und Urton aufmerksam gemacht hat. Es gibt in der Phsysik aktuell ja die Stringtheorie, die Schwingungen als grundlegendes Phänomen beinhalten.

Die Grundidee der Stringtheorie ist so simpel, dass jeder sie verstehen kann: Alle Materie besteht aus winzigen, schwingenden „Saiten“ (strings). Die Vielfalt ihrer Schwingungen erzeugt die Vielfalt der Teilchen und Kräfte – ähnlich wie die Schwingungen der Saiten einer Gitarre alle möglichen unterschiedlichen Melodien hervorbringen können.

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Alles schwingt also. Physik und Klang sind Schwingungen. Und ich selbst bin dann ja auch Schwingung. Ich glaube, dass deswegen Musik, Töne, Klang – all das –  besonders in einem selbst resoniert und dass dadurch diese besonders intensiven Erfahrungen entstehen, die Du bei der Performance erlebt hast. Das ist vielleicht sogar intensiver als beim Sehen, weil man hier – das klingt jetzt etwas esoterisch – mitschwingt und Teil einer allumfassenden Erfahrung ist.

Meike:

Das kann ich teilen. Meine schönsten Ton- und Klangerfahrungen waren auch die, bei denen ich das Gefühl hatte, dass etwas mit mir passiert, wo in mir etwas resoniert, schwingt, antwortet. Diese persönliche Wahrnehmungsebene, auf die auch bei „Welt ist Klang“ eingegangen wird, ist es auch, die das Erlebnis im Hugenottenhaus so bedeutsam gemacht hat. Einfach weil es dunkel war und man sich der Performance so aussetzen musste. Man hat nur das Ohr und das Hören und das hat mich dann ganz tief erfasst: Die ganze Atmosphäre, die tiefen, ursprünglichen Töne. Das Stampfen, Singen, Trommeln. Ich war über eine halbe Stunde wie verzaubert und bin dann ganz betroffen und bewegt herausgegangen. Du warst ja damals auch dabei. Hast du das auch so empfunden?

Christopher:

Ja – gerade weil der häufig benutzte, aber weniger komplexe Sehsinn im Gegensatz zum Hören meist im Vordergrund steht. Auf oberflächlicher Ebene wird das Sehen aber oft trotzdem am intensivsten wahrgenommen.

Meike:

Dazu habe ich auch ein interessantes Zitat von Tino Sehgal:

„Das Herunterfahren des dominanten Sinnes unserer Zeit ermöglicht die Empfindsamkeit der anderen Sinne hochzufahren“.

Deswegen arbeitet er auch mit Dunkelheit.

Christopher:

Ja, das ist das, worauf ich im Prinzip auch hinaus wollte. Das war bei mir auch wirklich so. Ich glaube, bei vielen ist Dunkelheit ja auch mit Angst verbunden…

Meike:

… oder Einsamkeit, wenn man nur auf sich zurückgeworfen wird.

Christopher:

Deswegen hatte die Performance etwas sehr berührendes und schönes… aber auch bedrohliches! Ich glaube, das war ein bisschen gewollt.

Welche Klangerfahrungen wünschst Du Dir für die Zukunft?

Meike:

Bei der documenta 14 dieses Jahr, also 2017, habe ich wieder eine interessante Klangerfahrung machen können: Die Videoinstallation „Byzantion“.  Verschiedene Geistliche singen gemeinsam an den Altären ihrer Kirchen, in Athen und Russland. Das waren wunderschöne Chorgesänge von einmal fünf, einmal sieben Männern. Diese wurden auf großen Videoleinwänden abgespielt mit einer tollen Soundanlage um den Zuhöhrer herum. Das hatte manchmal etwas sehr pathetisches, aber auch etwas faszinierendes, sehr atmosphärisches. Genau solche Erlebnisse suche ich auch weiterhin.

Ich hoffe sonst auch auf noch viel Live-Musik und klassische Konzerte. Da spüre ich die Musik immer am durchdringendsten. Wir haben erst vor Kurzem einem wunderschönen Geigen-Duett von Bach zugehört, das Freunde nur für uns gespielt haben.

Christopher:

Ich habe eigentlich zwei Wünsche – zum einen eher abstrakt, zum anderen sehr konkret. Ich würde mich gerne noch etwas theoretischer mit Klängen beschäftigen, und herausfinden, warum Klang so wirkt, wie er es eben tut. Warum erkennen wir beispielsweise Muster so gut in der Musik? Auch wenn ich das Stück überhaupt nicht kenne, merke ich sofort, wenn sich ein Fehler einschleicht – und sei es nur eine falsche Note.

Rein praktisch würde ich gerne eine Klangschale in unseren Tagesablauf integrieren – damit kann man sich schöne, kleine Rituale der Ruhe und Besinnlichkeit in den Alltag holen!

Zum Weiterhören:

Hier weitere Infos zum Hörbuch..

…und zur Performance „This Variation“ von Tino Sehgal.

Das Video zu „Byzantion“ von Romuald Karmakar (ab Min. 1:30!)

Mehr zum Thema Hören findest Du im folgenden Artikel: „Die Stille im Hören“.

Und was für Klänge und Töne faszinieren Dich? Schreib uns Deine Erlebnisse und Eindrücke!

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Christopher Wilker
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