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Märchen und Geschichten – Interview mit Ursula Stroux

von | Apr 27, 2018 | 0 Kommentare

Ursula Stroux ist ursprünglich Münchnerin und arbeitet als Wildnispädagogin, Kulturwissenschaftlerin und Reiseleiterin und macht außerdem gerade eine Ausbildung zur Märchenerzählerin. Wir haben uns mit ihr über Lieblingsorte und Märchenwälder, Reisen und Zukunftsträume unterhalten.

Welche Rolle spielen Märchen und Geschichten in Deinem Leben?

Immer schon eine sehr große, auch wenn ich mir zeitweise nicht  darüber bewusst war. Ich hatte glücklicherweise viele, viele Bücher als Kind und war schon immer eine Tagträumerin. So habe ich mich über die Bücher und ihre Geschichten in andere Welten geträumt; Welten, in denen ich die Prinzessin war, die Schönheit, die Abenteurerin, die Verwegene, …
Als Kind erfand ich auch meine eigenen Welten. Vielleicht liegt mir deshalb auch die schamanische Reise, die ja auch in einer sehr märchenhaften Sprache zu uns spricht. Wenn mein „Bruder“ da war, ein gleichaltriger Junge im selben Haus, begaben wir uns auf Abenteuerreise in Fantasiewelten, denn gemeinsam waren wir unschlagbar im Geschichten erfinden. Er ist nun ein bekannter Schriftsteller – ich war da nicht so … zielstrebig?
Nein. Ich brauche wohl einfach mehr Zeit, habe in anderen Ländern gelebt, probiere viele schöne Wege aus, lerne stets Neues. Ich mag die Idee von Late Bloomer von Clarissa Pinkola Estés: manche Menschen kommen einfach später in ihre volle Blüte – genauso wie bei den Pflanzen. Wir sind nicht alle gleich und nicht alle blühen Anfang zwanzig oder Anfang dreißig auf. Meine Blütezeit fängt gerade erst an.

Was fasziniert Dich gerade an keltischen/bretonischen Märchen so sehr?

Morgane le Fay verführte mich, nach dem Abitur in die Bretagne zu gehen. Ich hatte den Besteller Die Nebel von Avalon gelesen und war neugierig geworden. Ein Besuch in der Bibliothek überraschte mich – die böse Hexe? Moment! Wie konnte das sein? Es war just zu der Zeit, in der wir unser Thema für die Facharbeit, eine Art Vorübung für eine universitäre Seminararbeit, abgeben sollten.
Also wählte ich Morgane le Fay als Thema und legte, ohne mir dessen bewusst zu sein, eine ganz schön vielschichtige Arbeit hin. Ich überlege momentan, eine überarbeitete und aktualisierte Version zu veröffentlichen. Es gibt nicht viel über Morgane. Sie ist … sperrig. Kompliziert. Komplex. Eine Frau! Einfach wunderbar. Das war der Türöffner für die keltische Mythologie, die mich seither begleitet und in der ich immer wieder neue Facetten entdecke. Tiefergehend fühle ich mich in der Landschaft ebenso wohl, wie
in den Geschichten. Es ist wie ein nach Hause kommen, wenn ich in der Bretagne, in Irland oder anderen keltischen Gefilden durch die Hügel ziehe. Ich liebe diese karge Wildheit, das satte Grün, den wilden Atlantik, das Gold des Ginster zusammen mit lila und rosa Heidekraut-Leuchten. Satte, strahlende Farben, auch bei schlechtem Wetter. Meine Seelenheimat.

Was war Dein liebstes Märchen in der Kindheit? Und welches ist es heute ?

Meine Lieblingsmärchen als Kind waren – unzählig. Ich erinnere mich an Astrid Lindgren, Gudrun Pausewang, viele Klassiker. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass ich vor allem die tragischen Heldinnen ins Herz geschlossen hatte: Die kleine Meerjungfrau, Das Wasser des Lebens, Der glückliche Prinz. Heute empfinde ich sie als zutiefst ungerecht, aber als Kind liebte ich die Dramatik.
Irgendwie spendeten sie mir in ihrer Traurigkeit Trost. Und das darf auch so sein. Ich habe mich im Studium viel mit Märchen auseinandergesetzt und halte nichts von Über-Pädagogisierungen (falsch geraten; nicht Pädagogik, sondern Kulturwissenschaft).
Heute schätze ich vor allem Märchen und Geschichten, die vielschichtig sind. Michael Ende, ein großes Vorbild für meine eigenen
Schreibprojekte, hat mit einer so unendlich reichen Sprache wunderbare Bilder und Welten erschaffen, in denen sich Kinder ebenso wie Erwachsene wiederfinden, ohne dabei gestelzt oder affektiert zu schreiben. Großartig! Momo halte ich nach wie vor für eines der großen Märchen unserer Zeit, wenn man den Begriff des Märchens etwas weiter fasst.

Aber auch Bestseller wie Harry Potter haben Suchtpotenzial. Dann Bücher wie Geschichten zum Nachdenken von Jorge Bucay . Und wenn ich erst an die vielen fantastischen Bilderbücher denke – so unendlich reiche Schätze, beispielsweise von Agnès de Lestrade oder Noelia Blanco. Eigentlich alle AutorInnen, bei denen ein liebevoller und achtsamer Umgang mit Sprache, Bildern, der Geschichte und ihren Figuren, aber auch den LeserInnen spürbar ist.

Welche Elemente des Lebens greifen Märchen auf, unterstreichen sie, erklären sie? Oder führen Dich Geschichten viel mehr weg vom Alltag und der Realität, in eine Welt voller sagenhafter Gestalten?

Beides. Ich bin tief berührt von der Wolfsfrau (Clarissa Pinkola Estés), auch wenn ich nicht mit jeder ihrer Interpretationen einverstanden bin. Die Grundidee über Märchen und Mythen in die eigene Geschichte, den eigenen Mythos tiefer einzutauchen und heiler wieder hervorzukommen war der Grundstein für meine Märchenreise Waldfee & Windsbraut in die Bretagne. Allerdings überlasse ich persönlich es erst einmal meinen Mitreisenden, ihre eigene Mythologie in den von mir erzählten Sagen und Märchen (wieder) zu finden.
Die Elemente, die dabei aufgegriffen werden, sind meiner Ansicht nach immer persönlicher Art – tief in unserem Innern schwingt
unsere Seele in der Dramatik der Figuren und ihren Verwicklungen mit, oft im Spiegel der Archetypen und ihrer Heldenreise.
Gleichzeitig dürfen uns Märchen und fantastische Geschichten auch entführen – weg von unserem Alltag, weg von Routinen, weg
von Sorgen, weg von Konflikten. Hinein in eine Welt, in der alles möglich ist und die gleichzeitig zutiefst gerecht ist.
Denn auch das lieben wir an Märchen – aller Political Correctness zum Trotz. Lasst den Hass und das Böse auf heißen Kohlen tanzen und verbrennen, damit die Liebe und das Gute siegen!

Du machst eine Ausbildung zur Märchenerzählerin. Was lernst Du da? Und was macht Dir am Märchenerzählen so Spaß?

Ich bin per Zufall – gibt es Zufälle? – auf die Ausbildung gestoßen mit dem Hintergedanken an meine Märchenreisen, die schon in
Planung waren. „Wäre doch ganz schön, so richtig gut erzählen zu können“, dachte ich mir. Schon das erste Wochenende zeigte; es wird mehr, viel mehr. Die Messlatte war auf einmal himmelwärts gerückt und das ist gut so. Ich habe Feuer gefangen und liebe es, mein Publikum mitzunehmen auf Reisen in die Fantasie, Bilder aufzubauen und sie hinein zu entführen – sehen und entdecken zu lassen. Wunderbar!
Ich gehe auch mit großer Begeisterung selbst zu Erzähl-Abenden. Es ist so ein großes Geschenk, ein Märchen erzählt zu bekommen. Hörbücher sind nett, aber live gibt es doch noch einmal eine besondere Magie zwischen ErzählerIn und ZuhörerIn.
Gleichzeitig merke ich, wie viel Arbeit schon allein in einer kleinen Geschichte steckt, die gut erzählt werden möchte. Bei der Ausbildung der Sprechwerker geht es wirklich um das Handwerkszeug: Stimme, Präsenz, Authenzität, Spannungsaufbau. Und wie es so ist, wenn man sich auf dem „richtigen“ Weg befindet; ich erfahre ganz wunderbare Begegnungen mit Gleichgesinnten und neue Türen gehen auf. Kohärenz.

Du verbindest auch Naturerfahrung und Märchen?

Natur ist märchenhaft – man muss nur genau hinschauen. Feingesponnene Spinnennetze, raue Baumrinde, glänzender Schneckenschleim, zarte Blüten,…
Den Blick für diese Wunder möchte ich schulen. Gleichzeitig auch die Freude über diese Schönheit und die Dankbarkeit, daran teilhaben zu dürfen. Darauf dann noch Märchen, die zu unserer Seele sprechen, die Saiten unseres Inneren sanft zupfen und streiche(l)n, unsere ureigene Melodie spielen und – in einer Gruppe – zu einer gemeinsamen Symphonie emporstreben, in der jeder seine eigene Stimme hat. Pure Magie!

Was ist Dein Lieblingsort in der Natur?

Ich liebe den Wald. Bäume beruhigen mich. Nicht nur mich – ich weiß. Bei der Frage fiel mir spontan die Himmelswiese bei Wiesbaden ein, an der ich jeden Baum kenne. Dort hatte ich über fünf Jahre lang immer wieder Zuflucht gesucht. Angefangen mit den Hausaufgaben für meine Ausbildung in Wildnispädagogik verbrachte ich dort viel, viel Zeit, schulte meinen Blick für die Vielfalt und suchte in dunklen Stunden Trost bei Mutter Buche. Ich liebe auch das Meer. Die Insel Ouessant in der Bretagne – wild
und sanft zugleich. Dort laufe ich gerne über den federnden Heideboden, suche mir einen Felsen, der mich vor dem Wind schützt, rolle mein kleines Reise-Schaffell aus und mache ein Nickerchen in der Sonne mit dem Rauschen der Wellen und den Rufen der Möwen in den Ohren. Herrlich!

Hast Du dort schon besondere Erfahrungen gemacht?

Immer. Geschenke der Natur auf dem Weg: Steine, Federn, Heilkräuter, … Ein sehr berührendes Erlebnis hatte ich während meiner Ausbildung in Wildnispädagogik. Wir hatten die Hausaufgabe drei Nächte in einer selbstgebauten Laubhütte zu verbringen und ich gebe offen zu: die ersten beiden Nächte habe ich wenig geschlafen und bin bei jedem Blatt, das auf den Boden segelte, aufgeschreckt. Ganz anders in der dritten Nacht. Ich hatte einen Traum von einer goldstrahlenden Wurzelhöhle, in der die weise Alte lebte und mich willkommen hieß – eine zutiefst spirituelle Erfahrung.
Als ich aufwachte, fühlte ich mich unendlich geborgen im Wald; eine Geborgenheit, die ich selten in dieser reinen Form im Leben gefühlt habe.

Was sind Deine nächsten Projekte und wo können wir mehr über Dich herausfinden?

Oh, im September mein großes Traumprojekt Waldfee & Windsbraut! Wissen, Herzblut und Leidenschaft haben sich zu einem
Projekt verdichtet: eine Märchenreise in die Bretagne in den Waldv on Brocéliande und auf die Insel Ouessant. Märchen- und Sagengestalten spiegeln unsere Licht- und Schattenseiten, verbinden sich auf Wanderungen mit Naturerfahrung und kreativen Ausdrucksweisen in der Natur. Darauf freue ich mich schon sehr!
Vorher noch im Mai gemeinsam mit Gleichgesinnten die kreative Auszeit auf meiner geliebten Insel Ouessant, bei der ich dann
endlich zum Schreiben komme: ein Buchprojekt. Geschichten, die schon viel zu lange warten, endlich aufgeschrieben zu werden.
Aber auch in meiner neuen Heimat Lichthausen bei München möchte ich Stück für Stück Projekte ins Leben rufen – gerne in
Netzwerken! Wenn sich weitere Türen auftun gibt es vielleicht 2020 in Irland eine Mythenreise. Angedacht ist auch eine Natur- und Achtsamkeits-Retreat (Auszeit) in einem buddhistischen Zentrum, das ich dort kenne. Viele Ideen und Spinnereien.

Alle nachzulesen bei www.achtsame-baerin.org, im dazu gehörigen Newsletter oder bei Facebook unter Achtsame Baerin.

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Christopher Wilker
Lebens.Haus Team

Leben Heute & Morgen, Kulinarisches, Sportliches. Alltagsbeobachter, Genussmensch, Katervater und Sport-Enthusiast. Meditationsneuling.

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