Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl – Grundlage für ein bewusstes Leben

von | Mai 12, 2019 | 4 Kommentare

Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl

Christine Minxhofer ist psychologische Beraterin, Trainerin, Supervisorin und zertifizierte Lehrerin für Achtsames Selbst-Mitgefühl. Als psychologische Beraterin führt sie eine Praxis am Stadtrand von Graz. Ihre zentralen Themen sind Achtsamkeit, Selbst-Mitgefühl und achtsame Kommunikation.

„Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

Dieses Zitat von Galileo Galilei bringt meine „Tätigkeit“ als psychologische Beraterin wunderbar auf den Punkt. Ich helfe Menschen darin, die in ihnen zuweilen noch unentdeckten Ressourcen zur Bewältigung ihrer herausfordernden Lebensaufgaben in sich selbst zu finden. Dass ich Menschen ein Stück auf ihrer Lebensreise begleiten darf, erlebe ich als großes Geschenk. Gleichzeitig spüre ich auch eine große Verantwortung für das Vertrauen, das mir dafür entgegengebracht wird. Dieses Verantwortungsgefühl sagt mir, wie wichtig es ist, sich kontinuierlich selbst zu reflektieren, sich regelmäßig weiterzubilden und nicht zuletzt mein eigenes Leben bewusst zu leben, für mich selbst gut zu sorgen, mir selbst eine gute Freundin zu sein.

In unserer Gesellschaft entwickeln wir uns gewöhnlich zu stark außenorientierten Menschen

Als Kinder hören wir sehr oft wie wichtig es ist, höflich und nett zu sein, nicht unangenehm aufzufallen und sich möglichst bei anderen beliebt zu machen. So entwickeln wir uns gewöhnlich zu stark außenorientierten Menschen.

Erst heute wurde ich bei einem Ausflug in einen Tierpark Zeugin einer vermutlich völlig normalen Szene in einem Familienalltag. Eine Mutter hat ihren ungefähr 4-Jährigen Jungen, der bitterlich geweint und geschrien hat, getragen. Immer wieder hat er geschrien: „Ich mag zu Hause sein.“ Die Mutter blieb ruhig und sagte nur: „Das geht jetzt nicht. Ich kann nicht zaubern.“ Der Vater schien mit dieser Situation ziemlich überfordert zu sein. Er wurde wütend und redete auf das Kind in einem strengen und abwertenden Ton ein: „Wie du dich benimmst!“… „Du darfst heute, wenn wir zu Hause sind, sicher nicht mehr mit den Autos spielen.“… „Das ist ja nicht normal, wie du dich aufführst“… „Du bist doch nicht normal!“… „Die Leute schauen dich schon alle an, weil du dich so danebenbenimmst.“ … „Schau mal, schau mal, wie dich alle ansehen.“… Niemand von den Leuten ist stehen geblieben und hat geschaut. Niemand hat sich aufgeregt über das weinende, verzweifelte Kind. Vermutlich haben alle oder die Meisten großes Mitgefühl gespürt für den Jungen und auch für die Eltern.

Viele von uns kennen vermutlich solche oder ähnliche Aussagen von ihren Eltern als wir Kind waren. Eine Klientin erzählte mir, dass wenn sie als Kind wütend war, ihre Mutter sie aufgefordert hatte, sie solle sich in den Spiegel schauen, wie hässlich sie sei. Eine andere wurde aufgefordert sich zu schämen. Hier gäbe es noch viele traurige Beispiele anzuführen auch aus meiner eigenen Erfahrung. Auf diese Weise verlernen wir auf unsere Gefühle zu vertrauen. Stattdessen lernen wir, dass gewisse Gefühle wie z.B. Wut oder Trauer nicht in Ordnung sind, dass mit uns was nicht stimmt, wenn wir wütend, traurig oder verzweifelt sind. Diese Härte, die wir als Kinder von außen erfahren, ist in unserem Kulturkreis weit verbreitet. Gefühle werden belächelt oder ignoriert. Da heißt es „da muss man durch“ – „Zähne zusammenbeißen“ und ähnliches.

Wir sind nicht auf der Welt, um uns beliebt zu machen

Diese Härte soll uns motivieren lebenstüchtige, nette und beliebte Menschen zu werden. Mit der Zeit wird diese Härte, die wir als Kinder zunächst von außen erfahren ein Teil unserer Persönlichkeit. Harsche Selbstkritik und Selbstzweifel machen uns in schwierigen Situationen das Leben oft noch schwerer, als es ohnehin schon ist. Wir verlernen unsere Gefühle zu spüren und unsere Bedürfnisse wahrzunehmen.

Wir verlieren das Gefühl für unseren inneren Kompass. Was ist für mich wirklich wichtig? Wonach sehne ich mich? Wie möchte ich leben? In meinen Seminaren hänge ich öfter ein Flipchart auf mit dem Spruch

„Wir sind nicht auf der Welt, um uns beliebt zu machen.“

Dieser Spruch findet immer sehr großen Anklang.

Achtsam sein bedeutet im Hier und Jetzt wahrzunehmen was ist ohne zu urteilen

Für mich persönlich sind Achtsamkeit und Selbst-Mitgefühl die Grundlage eines bewussten Lebens.

Achtsam sein bedeutet im Hier und Jetzt wahrzunehmen was ist, ohne zu urteilen. Mit einem wohlwollenden Blick machen wir uns die Erfahrung des Augenblicks bewusst. Wir halten inne, nehmen wahr und antworten auf die Situation. Das klingt einfacher, als es ist. Im Alltag passiert es ganz häufig, dass wir unbewusst wie automatisiert reagieren. Wir fühlen uns angegriffen, herabgesetzt und ungerecht behandelt. Blitzschnell urteilen wir über uns oder verurteilen andere. Ist dieser Bedrohungsmodus aktiviert, kämpfen wir, greifen den anderen an oder gehen in die Vermeidung. Diese schnellen Urteile und reaktiven Verhaltensweisen basieren auf unseren tief liegenden Glaubenssätzen, die sich in uns im Heranwachsen herangebildet haben. Diese Glaubenssätze haben uns geholfen zu überleben. Aber es sind nur Glaubenssätze. Sie schränken uns ein, verengen unseren Blick und reduzieren unsere Handlungsmöglichkeiten. Wir sind nicht unsere Gedanken. Wir müssen nicht alles glauben, was wir denken.

Mit Achtsamkeitspraxis schulen wir unseren inneren wohlwollenden Beobachter. Mit zunehmender Praxis kann dieser innere Beobachter sehr hilfreich sein. Er hilft uns eine gesunde Distanz zu Gedanken und Gefühlen zu finden. Mit dieser Distanzierung entsteht in uns ein Freiraum, der es uns ermöglicht bewusst wahrzunehmen, was ist und situationsgemäß zu antworten.

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Viktor Frankl beschreibt wie das Innehalten und bewusste Reagieren anstelle des automatisierten Reagierens uns Freiheit schenkt und uns selbst zu einem bewussten Leben ermächtigt.

Selbstmitgefühl bedeutet zu uns selbst liebevoll zu sein

Auch wenn wir als Kinder in gewissen Situationen keinen liebevollen Umgang erfahren haben, können wir als Erwachsene lernen, liebevoll zu uns selbst zu sein. Wir alle tragen die Ressourcen dafür in uns. Dieser Weg braucht Zeit, Geduld und Nachsicht mit uns selbst. Der erste Schritt ist das Innehalten. Wir halten inne und fragen uns wohlwollend, was gerade die Erfahrung des Augenblicks ist. Das ist Achtsamkeit. Wenn wir gerade Unangenehmes, Schwieriges erfahren, dann schenken wir uns selbst eine liebevolle, mitfühlende Zuwendung. So wie liebevolle Eltern, die wahrnehmen was ist und für uns da sind. Sie trösten, helfen, unterstützen oder ermutigen uns, um die Situation zu bewältigen. Das ist Selbstmitgefühl. Mit der Zeit und mit regelmäßiger Praxis können wir lernen zu uns selbst eine neue Beziehung aufzubauen – eine liebevolle, freundschaftliche Beziehung. Wir können uns selbst für unsere inneren verletzten Anteile liebevolle, verständnisvolle, fürsorgliche Eltern werden. Wir können lernen uns selbst eine gute Freundin/ein guter Freund zu sein.

Im nächsten Artikel geht es weiter mit dem Achtsamen Selbst-Mitgefühl und Infos zu Mindful Self-Compassion/MSC. Außerdem erfährst Du mehr zu den drei Kernkomponenten des Selbstmitgefühls.

Mehr zu Christine Minxhofer und ihrer Arbeit erfährst Du auf ihrer Webseite oder bei Facebook.

 

Christine Minxhofer

GRATIS E-Magazin mit Deiner Newsletter-Anmeldung!

Abonniere unseren monatlichen Newsletter hier - als Dankeschön gibt es das kostenlose Lebens.Haus Magazin! 86 Seiten vollgepackt mit spannenden Themen.

Vielen Dank - Du hast den Lebens.Haus Newsletter abonniert!